Das hier vor­ge­stell­te Kon­zept basiert auf der kli­ni­schen Pra­xis in der Arbeit mit trau­ma­ti­sier­ten Sol­da­ten. Es gilt nach mei­ner Erfah­rung aber auch für ande­re Hoch­ri­si­ko­be­rufs­grup­pen. Mein Modell stellt als ein heu­ris­ti­sches Rah­men­mo­dell daher eine Erwei­te­rung des stress­be­zo­ge­nen Modells dar. Aus mei­ner Sicht sind die Bil­der aus dem Erleb­nis bei den meis­ten Betrof­fe­nen nicht das größ­te Pro­blem, son­dern inne­re Kon­flik­te, die aus dem Zusam­men­wir­ken ver­schie­de­ner Fak­to­ren resul­tie­ren.

Die­se Fak­to­ren sind:

  1. Exis­ten­zi­el­le Grenz­erfah­run­gen (Jas­pers) in Form rea­ler oder poten­ti­el­ler Todes­nä­he in Form von rea­ler und/oder poten­ti­el­ler Todes­angst. Die ande­re Sei­te die­ser Grenz­erfah­rung kann ein Gefühl max. Leben­dig­keit sein.
  2. Idea­les sol­da­ti­sches Selbst, d. h, ein spe­zi­fi­sches Selbst­bild mit bestimm­ten Wer­ten im Zusam­men­hang mit einem
  3. Funk­ti­ons­mo­dus, der antrai­niert ist und den Sol­da­ten befä­higt auch unter maxi­ma­lem Stress sei­ne Auf­ga­be zu erfül­len. Das idea­le Selbst wird größ­ten­teils gespeist aus dem Wis­sen um die eige­ne Exper­ti­se. Die­ser Funk­ti­ons­mo­dus führt aller­dings auch dazu, das Sol­da­ten in Stress­si­tua­tio­nen ihre Gefüh­le und Kör­per­re­ak­tio­nen maxi­mal gut kon­trol­lie­ren müs­sen und zudem nach eini­ger Zeit im Ein­satz das Gefühl für die eige­ne inne­re Befind­lich­keit und (stress­be­zo­ge­ne) Kör­per­re­ak­tio­nen redu­ziert ist, bzw. ver­lo­ren geht.
  4. Indi­vi­du­el­le Belas­tungs­gren­ze, die von Mensch zu Mensch ver­schie­den ist und erst bei einer exis­ten­zi­el­len Grenz­erfah­rung tat­säch­lich offen­bar wird. Die­se Gren­ze ist durch Trai­ning ver­än­der­bar aber letzt­end­lich abso­lut.
  5. Wer­te­ver­schie­bung, einer­seits durch den Ein­satz in einem ande­ren kul­tu­rel­len Umfeld, ande­rer­seits durch die exis­ten­zi­el­le Grenz­erfah­rung im Kon­flikt mit dem idea­len sol­da­ti­schen Selbst und dem Funk­ti­ons­mo­dus.
  6. Hin­zu kom­men wei­te­re Stress­fak­to­ren wie Hit­ze, Dehy­drie­rung, Staub, Lärm, etc. sowie per­sön­li­che Stress­fak­to­ren wie bei­spiels­wei­se ein kran­kes Kind zuhau­se oder Ehe­pro­ble­me, die die indi­vi­du­el­le Belas­tungs­gren­ze redu­zie­ren.
  7. Auch im Feld­la­ger gibt es nur eine rela­ti­ve Sicher­heit, d.h., der Stress­pe­gel sinkt bei­spiels­wei­se auch nach einem Feu­er­ge­fecht nicht voll­stän­dig ab, bleibt also wäh­rend des gesam­ten Ein­satz­zeit­rau­mes rela­tiv hoch. Dadurch kön­nen sekun­dä­re Pro­ble­me wie Süch­te, psy­cho­so­ma­ti­sche Beschwer­den, Schmer­zen o.a. psy­chi­sche Stö­run­gen resul­tie­ren.
  8. Stig­ma­ti­sie­rung, bei der Betrof­fe­ne das Gefühl haben, nir­gends mehr dazu­zu­ge­hö­ren. Weder zu den Kame­ra­den zu Hau­se, noch zu der Gesell­schaft, noch zu den Ange­hö­ri­gen.

Das Haupt­pro­blem ist, dass eine exis­ten­zi­el­le Grenz­erfah­rung nie­mals mehr rück­gän­gig zu machen ist. Die­se Tat­sa­che steht jedoch in ekla­tan­tem Wider­spruch zum idea­len Selbst und dem Funk­ti­ons­mo­dus. Die Erfah­rung der eige­nen Belas­tungs­gren­ze in Form einer Grenz­erfah­rung muss daher von den Betrof­fe­nen ver­leug­net oder ver­drängt wer­den, um wei­ter funk­tio­nie­ren zu kön­nen. Das kos­tet zuneh­mend mehr Ener­gie und führt schließ­lich zu einer Dekom­pen­sa­ti­on, manch­mal erst Jah­re spä­ter. Die Sol­da­ten neh­men das Innen als star­ke Selbst­un­si­cher­heit wahr, die kaum reflek­tiert wird und zudem auch als Ver­lust jeg­li­cher Zuge­hö­rig­keit.

Mit ande­ren Wor­ten: die Sol­da­ten ver­lie­ren „ihren Ort“,

  • sowohl in sich, weil sie ihr idea­les Selbst nicht auf­recht­erhal­ten kön­nen und nicht mehr so funk­tio­nie­ren kön­nen wie bis­her,
  • als auch bei ihren Kame­ra­den und Vor­ge­setz­ten zuhau­se, die nicht mit den Pro­ble­men der Betrof­fe­nen umge­hen kön­nen,
  • genau­so wie bei ihren Ange­hö­ri­gen, die selbst belas­tet sind und die von den Betrof­fe­nen nicht auch noch zusätz­lich belas­tet wer­den sol­len
  • und in der Gesell­schaft, die ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten oft mit Unver­ständ­nis oder Ableh­nung gegen­über­tre­ten.

Kurz gesagt: sie ver­lie­ren den Bezug oder bes­ser die Bin­dung zu sich und ihrer Umwelt. Die fin­den sie nur bei den Kame­ra­den aus dem Ein­satz. Daher wol­len auch so vie­le Sol­da­ten wie­der zurück in den Ein­satz. Da kön­nen sie wie­der funk­tio­nie­ren, was das idea­le Selbst auf­baut, haben eine Auf­ga­be und vor allem —  füh­len sich zuge­hö­rig.

Inhal­te der Fort­bil­dung:

1. Block

Grund­le­gen­des: Sol­da­ten­deutsch, Orgastruk­tur von Ein­satz­trup­pen, Dienst­gra­de und Funk­tio­nen, Aus­rüs­tung und Fahr­zeu­ge

Erklä­rungs­mo­dell zum Ver­ständ­nis der inne­ren Kon­flik­te als Grund­la­ge zur The­ra­pie­pla­nung

2. Block

The­ra­pie­pla­nung – Fra­ge­bö­gen, Trauma­a­na­mne­se, Bio­gra­fi­sche Ana­mne­se auf Grund­la­ge des vor­ge­stell­ten Erklä­rungs­mo­dells

Wer­te­ana­ly­se – Übun­gen

 „Foku­s­er­wei­te­rung“ als kogni­ti­ve Metho­de zum Bear­bei­ten nega­ti­ver Über­zeu­gun­gen – Übun­gen

Her­aus­ar­bei­ten der exis­ten­zi­el­len Grenz­erfah­rung und Bear­bei­ten mit einer Vari­an­te der IRRT ‑Übun­gen

Abrech­nung mit der Bw – Moda­li­tä­ten, Vor­ge­hen, Anträ­ge

3. Block (optio­nal)

Ein­füh­rung in die kon­fron­ta­ti­ve Traumaa­r­beit mit Ein­sa­ts­ge­schä­dig­ten. Vor­ge­stellt wird ein Kon­zept, das auf einer Kom­bi­na­ti­on von Nar­ra­ti­ver Expo­si­ti­on, bila­te­ra­ler Sti­mu­la­ti­on und IRRT basiert.